Autismus und die Theorie der Liebe

oder: wie die Liebe in einer oberflächlichen Welt zugrunde geht

Ein Thema, welches mir schon lange auf dem Herzen liegt, es niederzuschreiben ich aber immer wieder hinausgeschoben habe, ist die Liebe. Beziehungsweise weniger die Liebe an sich, als vielmehr die Schwierigkeiten beim Aufbau einer romantischen Beziehung. Warum ich nun aber doch versuche, dieses schwierige und komplexe Thema in Worte zu fassen, sind die doch sehr ähnlichen Reaktionen und Erfahrungen von anderen Autisten. Dass sich diese ziemlich mit meinen eigenen Erfahrungen decken, durfte ich heute in der Diskussionsgruppe von autismus.co erfahren. Vielen Dank an jeden einzelnen für diese Erkenntnis.

Die Liebe ist das stärkste Band, welches zwei Individuen miteinander verbinden kann. Stärker, als das härteste Material, welches in unserem Universum existieren könnte und doch zarter, als ein warmer Lufthauch, der von den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings erwärmt wurde.

Ein Leuchtfeuer, welches die Dunkelheit in gleißendes Licht taucht und doch nur sichtbar für diejenigen ist, die bereit sind, dieses Feuer mit ihrer eigenen Liebe zu nähren und zu bewahren.

Doch so stark dieses Feuer in uns allen zu brennen in der Lage ist, so schwierig ist es heutzutage auch geworden, es entfachen zu können.

Das ist in erster Linie kein Phänomen, das ausschließlich uns Autisten betrifft. Es wirkt sich nur stärker auf uns aus, genauso wie es sich stärker auf alle Menschen auswirkt, die feinfühliger sind und nicht nur die äußere Erscheinung ihres Gegenübers wahrnehmen, sondern auch dessen Innerstes.

Ja die Gesellschaft ist oberflächlich geworden. Es zählt hauptsächlich nur noch das, was der Andere vorgibt zu sein. Eine starke Fassade ist mehr wert, als eine starke Persönlichkeit. Es reicht, wenn man den Menschen vor den Kopf blickt - sieht man hingegen hinein und erlangt somit ein tiefes Verständnis für diese Person, macht das unserem Gegenüber Angst. Man verschreckt diese Menschen, weil man sie wirklich verstehen will und nicht nur das sagt, was sie hören wollen. Wie absurd, ja "krank" ist dies bitteschön?

Während ich diese Zeilen schreibe fällt mir ein, dass Autisten als "seelisch behindert" gelten. Mit dieser Einstufung konnte ich mich noch nie anfreunden und nach meinem vorhergehenden Absatz frage ich mich, wer nun tatsächlich seelisch behindert ist. Ich denke, wir sind es nicht.

Es ist selbst für neurotypische Menschen schwer geworden einen Partner zu finden, mit dem man mehr als nur eine oberflächliche Verbindung eingehen kann. Es mag zwar viele Menschen geben, die eine Beziehung führen, betrachtet man diese allerdings genauer, wird diese Verbindung oftmals lediglich vom äußeren Schein getragen und kaum kommt es zu einer ersten Erschütterung, zerbricht diese.

Aber ist dies verwunderlich, wenn ein "wie siehst du aus", "welchen Beruf übst du aus", "was hast du alles erreicht" oder der Geldbetrag auf dem Bankkonto wichtiger ist, als die Frage nach dem "wer bist du wirklich"?

Es spielt für die Menschen auch keine Rolle, ob das was man vorgibt zu sein, tatsächlich den Tatsachen entspricht. Wichtig ist nur, dass man sich gut verkauft. Persönlichkeit als Ware sozusagen - wie bezeichnend für die neue Welt, in der die Menschen kaum mehr sind als die Sklaven des Konsums.

Aber vermutlich muss man sich auch viel besser verkaufen, als man tatsächlich ist. Wie sollte man sonst die viel zu überzogenen Erwartungen erfüllen können, die Menschen an ihre potentiellen Partner haben?

Und der Konkurrenzdruck ist groß! So gibt man vor, etwas zu sein, was man gar nicht ist. Für eine bestimmte Zeit mag dies vielleicht sogar möglich sein. Aber irgendwann kommt der Moment der Ernüchterung. Der Moment der Wahrheit. Aber leider ist die Konsequenz daraus nicht die, dass man sich auf die wahren Werte zurückbesinnt. Nein stattdessen werden die eh schon überzogenen Erwartungen noch weiter nach oben geschraubt, weil man dem Irrsinn anheim gefallen ist, dass die Fassade des Gegenübers wahrhaftig war.

Aber: Autisten sind diejenigen, die als seelisch behindert klassifiziert werden

Behindert gemessen an was? Dass wir nur das sein können, was wir wirklich sind? Dass wir vielmehr gar kein Interesse daran haben, jemand zu sein, der wir nicht sind? Dass wir nicht nur autistisch, sondern vor allem authentisch sind? Wenn das die Definition unserer seelischen Behinderung ist, dann soll es so sein. In diesem Fall bin ich sogar froh, behindert zu sein und nicht so sein zu müssen, wie der Rest der Gesellschaft.

Aber genau diese Abweichung von der Mehrheit der Gesellschaft macht es für uns so schwer bis unmöglich einen Partner zu finden. Wir sind eben das, was wir sind und zeigen das von Anfang an. Wir reden nicht um den heißen Brei herum, sondern sagen was wir denken und fühlen.

"Wie soll ein Autist in dieser Welt eine/n Partner/in finden, wenn die Menschen ihre Erwartungen so hoch schrauben, dass nicht einmal sie selbst diese erfüllen können?"

Das romantische Spiel

Der Aufbau einer romantischen Beziehung wird vor allem durch den Austausch von non-verbalen Signalen beherrscht. Diese legen die individuellen Spielregeln des Anbahnens einer solchen Beziehung fest.

Und hier zeigt sich auch schon das erste Problem. Wir können non-verbale Signale kaum oder nur schwer deuten. Erschwert wird das Ganze noch durch unsere Aufregung, verursacht durch die für uns nicht greifbare Situation.

Kurz und knapp: wir kennen diese Spielregeln schlichtweg nicht.

Wie soll man also ein Spiel für sich entscheiden können, wenn man die Regeln nicht kennt. Glück haben solche, die zumindest über oberflächliche Dinge wie Aussehen, Stellung, einem angesehenen Talent o.ä. beim anderen Geschlecht so viel Aufmerksamkeit erregen, dass dieses den Part des Eroberns übernimmt. Normale, nette und verständnisvolle Vertreter unserer Spezies landen dagegen schnell auf dem Abstellgleis der Freundschaft. Man schüttet zwar gerne das Herz bei uns aus - schenken will man es uns hingegen nicht.

Der Aufbau einer solchen Beziehung erfordert zudem auch jedes Mal sehr viel Kraft, da wir durch die starke soziale Interaktion eine große Kompensationsarbeit leisten müssen. Erschwerend hinzu kommt, dass wir während der Werbungsphase möglichst perfekt funktionieren wollen. Wir haben Angst, uns nicht-funktional zu zeigen, da unsere bisherigen Erfahrungen - selbst funktionierend - meist nicht sehr gut waren.

Daher bleibt mir für die Werbung um die Dame der Wahl auch nur ein sehr begrenztes Zeitfenster. Dabei wird diese während dieser Zeit auch zu einer Art Spezialinteresse. Ich lege meine gesamte Kraft und Aufmerksamkeit in diese eine Person. Dadurch werde ich für diese Person natürlich auch angreifbar. Ich muss mich also zwangsläufig der anderen Person entblößen, um überhaupt eine Chance zu erhalten. Dies alles ist mir selbstverständlich bewusst, wenn ich mich entscheide, mich auf eine Person einzulassen. Aber umso frustrierender und kraftraubender ist es am Ende, wenn es einmal mehr nicht geklappt hat.

Am Ende scheitert es dann meist daran, dass autistische Defizite einmal nicht kompensiert werden konnten oder meine Person auf Dauer nicht interessant, aufregend genug ist. Aber das ist nur eine Theorie. Da ich die non-verbal übermittelten Anforderungen nicht kenne, weiß ich natürlich auch nicht, was tatsächlich die Ursache war.

So wäre es für mich sehr wichtig, von Anfang an klar zu wissen, woran ich bin, da ich dies nicht intuitiv spüren kann. So kann ich nur versuchen, es anhand objektiver Handlungen herzuleiten. Aber dieser Versuch der Interpretation ist sehr ungenau und so passiert es mir sehr häufig, dass ich zu viel in etwas hineininterpretiere oder beim nächsten Mal zu wenig und somit echtes Interesse nicht erkenne.

Als Konsequenz daraus habe ich es mir angewöhnt zu Fragen, in welche Richtung sich diese Beziehung denn entwickeln könnte. In eine romantische oder eine freundschaftliche. Viele werden durch allein diese Frage abgeschreckt - sie interpretieren es als klammern oder als wünschte ich ein Versprechen für einen bestimmten Ausgang.

Dabei ist es mir doch völlig bewusst, dass selbst die Richtung "romantische Beziehung" nicht automatisch und zwingend in einer solchen enden muss. Dafür ist dies von zu vielen Faktoren abhängig, um es am Anfang bereits definitiv bestimmen zu können. Aber es macht eben einen Unterschied, ob das Interesse rein freundschaftlicher oder doch eher romantischer Natur ist, da für letzteres einfach deutlich mehr Kräfte mobilisiert werden müssen.

Ganz oder gar nicht

Ich denke ich spreche für einen Großteil aller hochfunktionalen Autisten, wenn ich behaupte, dass wir uns aus eben diesen Gründen nicht leichtfertig auf einen Menschen einlassen. Wenn wir uns also für einen Menschen entscheiden, dann aus ganzem Herzen und tiefster Überzeugung. Für uns zählt "ganz oder gar nicht" - für halbe Sachen ist unser Energievorrat viel zu kostbar.

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