Autisten im Gespräch mit Hubert Aiwanger

Vergangenen Freitag (01.02.2019) war es nun endlich so weit. Silke Wanninger-Bachem, Werner Kelnhofer und ich haben uns - wie versprochen - in Landshut mit Herrn Hubert Aiwanger, dem bayerischen Wirtschaftsminister und stellv. bayerischen Ministerpräsidenten zu einem Gespräch über das Thema Autismus getroffen. In meinem nachfolgendem Beitrag möchte ich euch kurz vom Treffen erzählen und meine Eindrücke mit euch teilen.

"Söder ist kein Autist" - der Stein des Anstoßes

Mit dieser Aussage hatte Herr Aiwanger den Stein ins Rollen gebracht - war diese Verwendung nicht nur schlichtweg falsch, sondern trug zudem dazu bei, das ohnehin falsche öffentliche Bild von Autisten noch weiter zu verfälschen. Und genau dieses Bild möchten wir mit unserer Aufklärungsarbeit doch ändern. So war es nur konsequent, Herrn Aiwanger für seine Aussage ebenso öffentlich zu rügen.

Wir möchten allerdings auch nicht mit "dem Hammer" auf jede noch so kleine Verfehlung losgehen, wie es heutzutage in der Medienwelt leider nur allzu oft anzutreffen ist. Auch als öffentliche Person (oder gerade als solche) sollte man durchaus noch etwas sagen dürfen - allerdings fundiert und in keiner diskriminierenden Art und Weise.

So ist es durchaus als Zeichen großer Stärke zu werten, dass sich Herr Aiwanger bei uns für seine Aussage entschuldigt und uns zudem ein persönliches Gespräch angeboten hat, um mehr über das Thema Autismus und die laufende Erarbeitung der bayerischen Autismus-Strategie zu erfahren.

Allerdings möchte ich eines betonen. Man darf eine Verwendung des Begriffes "Autist" nicht mit den bildsprachlichen Begriffen "blind" oder "taub" gleichsetzen, wie es in der Entschuldigung ebenfalls hieß. Denn die Begriffe "blind" oder "taub" beschreiben einen tatsächlich vorhandenen Zustand, den man bildlich - also greifbar - darstellt. "Autist" als synonym für engstirnig oder stur zu verwenden ist schlichtweg falsch und kann somit in der Tat als abwertend gewertet werden. Es kommt immer auf die Art und Weise an, wie ein Begriff eingesetzt wird und ob der Einsatz auf falschen Vorurteilen beruht. Aber genau darum geht es uns schließlich in unserer Aufklärungsarbeit. Dass eine solche fälschliche Verwendung erst gar keinen Einzug in den gesellschaftlichen Sprachgebrauch findet.

Es ist in Ordnung Fehler zu machen, nur muss man auch zu diesen stehen können - dass Herr Aiwanger diese positive Fähigkeit besitzt, hat er nun eingehend bewiesen und so ist es nur konsequent, seine Entschuldigung auch in aller Form anzunehmen und auch anzuerkennen.

Es ist keine Schande einen Fehler zu machen - es wird erst zu einer Schande, ihn sich nicht eingestehen zu können!

Das Gespräch - ein Austausch auf Augenhöhe

Unser Treffen fand im Gebäude der Regierung von Niederbayern in Landshut statt. Herr Aiwanger hat sich - trotz seines engen Terminkalenders - über eine Stunde seiner Zeit genommen, um von uns mehr zum Thema Autismus zu erfahren. Dafür möchte ich mich recht herzlich bei Ihnen bedanken! Neben Herrn Aiwanger nahm auch Herr Stöckl vom Bürgerbüro Herrn Aiwangers, der auch die Terminvereinbarung organisierte, am Gespräch teil. Auch Herr Stöckl konnte einige wichtige Schlüsse aus unseren Erzählungen ziehen, u.a. wo Autisten durch die besondere Wahrnehmung und Fähigkeit zur Mustererkennung eingesetzt werden könnten und so zum Einen eine Anstellung finden und zum Anderen ihr Potential zur Geltung bringen können.

Autist - Nicht-Autist? Der Unterschied liegt in der gesteigerten Wahrnehmungsverarbeitung

Das Hauptanliegen unseres Treffens war, die Politik über das Thema Autismus aufzuklären und für die Belange von Autisten zu sensibilisieren. Aufgrund der zeitlichen Begrenztheit eines einzelnen Gespräches konnten wir unmöglich alle Aspekte und Belange des gesamten Spektrums unterbringen. Dafür ist das Spektrum einfach zu groß und zu individuell in der einzelnen Ausprägung. Wir haben uns also darauf beschränkt, die Grundlagen zu erläutern und zu erklären, was es bedeutet, als Autist in einer überwiegend nicht-autistischen Gesellschaft zu leben. Zu diesem Zweck hat jeder von uns, die seiner Meinung nach wichtigsten Punkte, in seiner ganz eigenen Art und Weise aufbereitet und zusammengestellt. Diese haben wir Herrn Aiwanger in einer Mappe gesammelt, zusammen mit einer Ausgabe meiner gedruckten Ausgabe überreicht. So konnten wir zum Einen unsere Individualität (und die Individualität von Autisten im Allgemeinen) zum Ausdruck bringen, als auch die wichtigsten Kernelemente unseres Gesprächs noch einmal zum Nachlesen festhalten. Denn auch eines haben wir Herrn Aiwanger gegenüber deutlich gemacht. Wenn es etwas gibt, das für alle Autisten gleichermaßen gilt, dann die Tatsache, dass nichts für alle Autisten gleichermaßen gilt. Jeder Autist ist individuell, so wie auch jeder Mensch individuell ist.

Auch diesen Sachverhalt haben wir in unserem Gespräch versucht deutlich zu machen. Dass wir Autisten im Grunde nicht so viel anders sind, als nicht-autistische Menschen. Dass unser Gehirn lediglich durch die übermäßige Reizüberflutung schneller in den Panikmodus gerät und wir daher lediglich andere Rahmenbedingungen brauchen, um unser individuelles Potential am Besten zur Geltung bringen zu können oder überhaupt an der Gesellschaft teilhaben zu können. Es muss aufgehört werden, den frühkindlichen Autisten ihre Fähigkeiten abzusprechen, so wie ebenfalls damit Schluss sein muss, die Defizite von höchstfunktionalen Autisten kleinzureden. Wir brauchen Förderung und Akzeptanz gleichermaßen! Jeder Autist muss dort abgeholt werden, wo er steht und entsprechend gefördert und unterstützt werden. Kein Teilhabe mehr auf Kosten der Eltern oder der Betroffenen selbst! Es darf nicht angehen, dass die besseren Rahmenbedingungen, die wir uns selbst (oder unsere Angehörigen) aufwändig schaffen, dazu missbraucht werden, um uns dafür abzustrafen.

Autismus-Strategie

Selbstverständlich war auch die aktuell laufende Erarbeitung der bayerischen Autismus-Strategie ein Kernthema unseres Gesprächs. Denn die zugrundeliegenden Probleme bei der Konzeption des Projekts und die mangelnde Finanzierung sind keine zu unterschätzende Gefahr für das Gelingen einer solchen Strategie. Auch das Fehlen einer qualitativen und quantitativen Datenerhebung im Vorfeld der Strategie macht die Erarbeitung zu einem Fischen im Trüben. Ich habe zudem darauf hingewiesen, dass ein unflexibler Maßnahmenkatalog den individuellen Bedürfnissen von Autisten nicht gerecht werden kann. Wir brauchen eine Strategie, die am Autismus selbst ausgerichtet ist und keine Hilfen "von der Stange", deren Gewährung an bestimmte - meist ohnehin ohne Klage kaum unerreichbare - äußere Ausprägungen gekoppelt sind.

Herr Aiwanger hat sich daraufhin bereit erklärt, Kontakt mit Frau Staatsministerin Schreyer aufzunehmen und sich mit Ihr über die Strategieentwicklung auszutauschen. Auch eine Beteiligung des Wirtschaftsministeriums ist nicht auszuschließen - wäre es doch so dringend notwendig, wenn man bedenkt, wie viele hoch-/höchstfunktionale Autisten für den ersten Arbeitsmarkt prädestiniert wären, aber dennoch keine Anstellung finden.

Gerade dieser Aspekt und die Prävalenz > 1 %, die Autismus zu einer "häufigen Erkrankung" macht, ist sehr bedeutsam für das Wirtschaftsministerium, dem Herr Aiwanger vorsteht.

Fazit - ein gelungenes Treffen

Ich möchte herausstellen, dass sich Herr Aiwanger nicht nur von uns hat berieseln lassen, sondern ebenfalls aktiv nachgefragt hat, um weitere Informationen zu einem bestimmten Themenbereich zu erfahren oder explizit nachgehakt hat, um Unklarheiten zu beseitigen. Alles in Allem wirkte er - trotz vorhergehender Termine - sehr interessiert und offen für unsere Erklärungen und Sichtweisen.

Zudem möchte ich auch noch einmal betonen, dass wir - entgegen der ursprünglichen Behauptung des bayerischen Rundfunks - keinesfalls gegen Herrn Aiwanger sind. Wir sind vielmehr bedacht, mit ihm zusammen eine Verbesserung der Lebensqualität von Autisten zu erreichen. Dafür stehen wir Ihnen auch weiterhin jederzeit gerne zur Verfügung und würden uns über eine zukünftige, engere Zusammenarbeit freuen!

Sarkasmus und Ironie bei Autisten? Das geht durchaus!

Eine Sache konnte ich mir zum Schluss unseres Gesprächs dann doch nicht verkneifen. Denn selbst ich als Autist liebe es, mit Ironie und Sarkasmus zu spielen. So lautete mein, an Herrn Aiwanger gerichteter Abschlusssatz - ganz in Anlehnung an seine Worte "Söder ist kein Autist", wie folgt: "Herr Aiwanger, ich muss feststellen, Sie sind kein Autist, denn man kann gut mit Ihnen reden und Sie gehen auch auf vernünftige Vorschläge ein." Das Ganze selbstverständlich mit einem großen Augenzwinkern ;-)

Ich denke, wir haben es geschafft, Autismus der bayerischen Politik ein bisschen näher zu bringen und hoffe, dass der gesetzte Keim auch prächtige Früchte tragen wird. Ganz im Sinne von #VerständnisDurchAufklärung

Überreichte Infos an Herrn Aiwanger

Hier könnt Ihr euch die Informationen herunterladen, die ich auch Herrn Aiwanger überreicht habe. Darin werden kurz und prägnant die wichtigsten Grundlagen zu Autismus zusammengefasst und die Unterschiede zu neurotypischen Menschen dargestellt.

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