Hochfunktional vs. Hochbegabt

Was bedeutet es eigentlich, "hochfunktional" zu sein? Und welchen Einfluss hat darauf die Intelligenz des Betroffenen? Dies zu erklären soll das Thema meines ersten Beitrags sein - ist es doch genau das, was meinen Alltag zu dem macht, der er ist.

Denn oftmals ist es nur der äußere Schein, der ein "Funktionieren" vortäuscht.

Zuerst möchte ich euch ganz herzlich auf meiner Internetseite begrüßen. Danke für euren Besuch. Ziel meiner Seite ist es, Informationen zum Thema Autismus und Erfahrungen aus meinem Alltag, mit Betroffenen, Angehörigen und / oder Interessierten zu teilen.

Der Grund dafür ist ganz einfach - ich funktioniere. Und das meistens ziemlich gut. Zudem weiß ich mich auszudrücken - und nicht nur das. Ich kann durch meine hohe Funktionalität in beide Welten blicken. In die "normale" und die autistische. Diese Eigenschaften haben mich dazu animiert, eine Brücke zwischen diesen beiden Welten zu schlagen und als Sprachrohr für jene zu dienen, die keine Stimme haben. Ich hoffe dies wird mir gelingen.

Nun zu meiner Person. Wie euch bestimmt schon in den Sinn gekommen ist, bin ich Autist - genauer gesagt: Asperger-Autist. Dieses Detail zu erwähnen ist daher wichtig, da es viel darüber aussagt, wo im Autismus-Spektrum ich mich ungefähr befinde. Und zwar sehr weit im seichten, äußeren Rand. Gerade so weit außen, dass ich nur ein paar Schritte vom Ufer entfernt bin und das Leben dort sehr gut erleben kann, ja sogar über die Entfernung ein Teil davon sein kann - aber dennoch noch so tief im Wasser, dass ich bei jeder Welle aufpassen muss, nicht unterzugehen.

Ich funktioniere sogar so gut, dass ich bei meiner Diagnose keinerlei Auffälligkeiten bei den weichen Kriterien, wie z.B. Blickkontakt oder dem Lesen von Mimik, Gestik gezeigt habe. Und das stimmt - all dies sind Dinge, die ich mir unbewusst angeeignet hatte, um nach außen hin ein normales Leben führen zu können. Nach außen deshalb, weil ich trotz meiner augenscheinlichen "Normalität" doch immer anders war, als alle anderen. 

Aber warum funktioniere ich so gut?

Nun ja, diese Frage ist relativ leicht zu beantworten - wobei meine früheren Lehrer die Antwort sicherlich ziemlich vor den Kopf stoßen und Ihr Weltbild in Schutt und Asche verwandeln würde. Anscheinend meinte es das Schicksal in dieser Hinsicht sehr gut mit mir und hat mich mit einer sehr hohen Intelligenz ausgestattet. Bitte wertet diese Aussage nicht als Überheblichkeit - mich selbst hat diese Tatsache mehr erschüttert, als die Diagnose selbst.

Warum ich dies hier dennoch öffentlich erwähne, hat folgenden Grund: würde ich es nicht tun, wäre es nur die halbe Wahrheit über mich und meinen Autismus. Denn genau diese Intelligenz ist es, die mich so gut funktionieren lässt, wie ich es tue. Und genau deshalb wirke ich in der Regel so normal - weil ich die meisten Defizite auf intellektueller Ebene ausgleichen kann. So einfach ist das.

Aber dann ist doch alles gar nicht so schlimm?!

Das alles klingt doch nun halb so wild, oder? Ich funktioniere super und bin dazu noch ein Genie - worin liegt also das Problem? Auch wenn diese Ausdrucksweise sehr überspitzt ist, bringt sie es ziemlich genau auf den Punkt.

Denn im Umgang mit den meisten Personen im alltäglichen Umfeld läuft es immer wieder darauf hinaus: "du wirkst nicht anders, als alle anderen - also hast du auch so zu funktionieren".

Bitte versteht das nicht falsch - ich nehme mich bei dieser Einschätzung selbst nicht aus. In Phasen, in denen ich gut funktioniere, sind mir meine Defizite selbst gar nicht so bewusst und manövriere mich daher immer wieder in Situationen, die zu sehr an meinen Kräften zehren.

Daher ist es für alle Autisten, die - wie ich - sehr, sehr gut funktionieren, umso wichtiger sehr sorgsam mit sich selbst und den eigenen Kraftreserven umzugehen. Ein Aufladen dieser Reserven wird nämlich immer schwieriger und langwieriger, je weniger Energie man noch zur Verfügung hat.

Denn auch, wenn man den Alltag gut meistert und die Defizite auf intellektueller Ebene kompensieren kann, erfordert dies doch einen viel größeren Kraftaufwand, als es für "normale" (neurotypische) Menschen notwendig ist. Einfach deshalb, weil alles, was bewusst ausgeglichen werden muss, mit sehr viel Anstrengung und Konzentration verbunden ist.

Leichtes Spektrum vs. starkes Spektrum

Eben wegen den oben genannten Gründen sehe ich die Einteilung in leichten oder schweren Autismus sehr kritisch. Denn diese Einteilung sagt lediglich etwas über die äußeren (oberflächlichen) Ausprägungsgrade aus - also das, was der Betroffene der Außenwelt sehen lässt.

Die grundlegenden Probleme, auf die Autisten tagtäglich stoßen, sind immer die Gleichen - egal, ob man im leichten oder im schweren Spektrum eingestuft ist. Die äußeren Probleme, die mit den individuellen Stärken und Schwächen einhergehen, sind jedoch bei jedem Autisten anders.

Der Unterschied zwischen "leicht" und "schwer" besteht darin, wie viele dieser Probleme oder Defizite der Autist ausgleichen kann. Und hier ist jeder von uns einzigartig mit seinen Fähigkeiten und Talenten - also gar nicht mal so viel anders, als bei nicht-autistischen Menschen auch ;-)

Fazit

Egal, wie stark die Kompensationsfähigkeit bei jedem Einzelnen ausgeprägt ist - es sagt nichts über die Ausprägung der grundlegenden Schwierigkeiten aus. Ein Autist mit wenig Kompensationsmöglichkeiten steht vor ganz anderen Herausforderungen, als ein kaum auffälliger Autist. An ihn werden zwar von der Außenwelt weniger Erwartungen gestellt, aber selbst diese können ihn schon so stark überfordern, dass eine Integration in die "normale Welt" kaum möglich ist.

Der hochfunktionierende Autist hingegen ist gut in die "normale Welt" integriert, sieht sich aber mit viel höheren Erwartungen konfrontiert - Erwartungen, denen man, zumindest auf Dauer, oft genug nicht gerecht werden kann. Letztendlich kommt es daher immer zu dem selben Ergebnis - irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem alles zu viel ist und man nicht mehr funktioniert.

...der Punkt, an dem kein noch so gut antrainierter Kompensationsmechanismus mehr greift und man der Außenwelt hilflos ausgeliefert ist.

...der Punkt an dem alle Eindrücke und Erlebnisse ungefiltert auf einen einprasseln.

...der Punkt, an dem uns niemand mehr zu Gesicht bekommt... - denn je besser man in der Regel den äußeren Schein wahren kann, desto weniger will man diesen aufgeben, wenn man nicht mehr funktioniert.

Aber keine Sorge - wir kommen klar. Wenn wir eines während all unserer Tiefs gelernt haben, dann das, dass es irgendwann immer wieder bergauf geht.

In diesem Sinne möchte ich mich noch einmal herzlich dafür bedanken, dass ihr meinen Beitrag gelesen habt und hoffe, dass ich euch zumindest einen kleinen, ersten Einblick in das Leben eines hochfunktionierenden Autisten geben konnte.

Bis bald.

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