Hype um Asperger-Autisten - die Mär von medialer Aufklärung

Vor kurzer Zeit erreichte mich eine Anfrage für ein Fernsehportrait, welches bei einer internationalen deutschen Rundfunkanstalt ausgestrahlt werden sollte. Hier wurde konkret nach Menschen mit einer "autistischen Begabung" gesucht. Ich weiß nicht, was bitteschön eine "autistische Begabung" sein sollte - Autismus an sich ist es zumindest nicht. Ich vermute vielmehr, dass hier wieder einmal ein Bild von Autisten gezeichnet werden sollte, das so nicht real ist.

Nicht jeder Autist hat automatisch auch eine besondere Begabung - und falls doch, dann ist diese auf Talent, Übung und hartes Training zurückzuführen - aber nicht auf den Autismus. Ja meine lieben Journalisten - auch wenn es sie schockieren mag. Selbst Autisten bekommen ihre Superkräfte nicht geschenkt. Das Leben ist kein Basar mit "buy one, get one free".

Wenn wir schon von Superkräften sprechen, dann ist wohl die einzige Superkraft, die höher funktionalen Autisten manchmal beschieden ist, die Fähigkeit, in der Gesellschaft einigermaßen normal und unauffällig zu wirken. Aber auch diese gibt es nicht zum Nulltarif - ist sie doch mit täglicher harter und kraftraubender Arbeit verbunden.

Der momentane Hype um Asperger-Autisten verwundert mich allerdings nicht, ist Greta Thunberg doch momentan in aller Munde und so wittern viele Journalisten ihre Chance auf diesen medienwirksamen Zug aufspringen zu können. Dabei geht heutzutage leider oft Quote vor Information. So ist es häufig wichtiger, ein bestimmtes gewünschtes Bild zu zeichnen, als das richtige Bild zu vermitteln.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht grundsätzlich gegen mediale Aufmerksamkeit. Diese kann - richtig angewendet - enorm zur Aufklärung der breiten Masse beitragen. Allerdings nur unter der Prämisse, dass die Protagonisten realistisch und vor allem authentisch autistisch dargestellt werden. Mein Grundsatz ist: lieber kein Bild in den Medien zeichnen, als ein falsches.

Das Problem mit falschen Bildern ist nämlich, dass sich diese als hartnäckige kleine Biester erweisen, die sich vehement in den Köpfen der breiten Masse festbeißen. Denn sind wir doch einmal realistisch - nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung hinterfragt die erhaltenen Informationen wirklich.

Eine gute Reportage über Autisten wäre für mich eine, die das gesamte Spektrum abbilden würde. Also angefangen von nicht-sprechenden, über frühkindliche Autisten bis hin zu Vertretern aus dem Asperger-Spektrum. Natürlich dürften in einer solchen Dokumentation auch absolut "langweilige" und nicht medienwirksame höchstfunktionale Autisten nicht fehlen. Wie?? Der hat doch nichts?! Eben - mit diesem falschen Bild sollte in diesem Zuge ebenfalls gleich aufgeräumt werden.

Nur über die Darstellung vieler Autisten innerhalb einer Reportage kann man das vielschichtige Spektrum adäquat darstellen. Eine Konzentration auf einen bestimmten Teil des Spektrums führt nur zu Aussagen, wie "ich habe letztens eine Reportage über Autismus gesehen. Der Autist dort war aber ganz anders als du. Wie kannst du also Autist sein?" Die Aufklärung innerhalb der Gesellschaft ist noch lange nicht so weit, als dass wir uns auf die Darstellung von Teilbereichen des Spektrums fokussieren könnten. Grundlegende Aufklärungsarbeit über ein breites Spektrum muss zuerst im Vordergrund stehen.

Dass dies nicht innerhalb eines 5-10 Minütigen Beitrags eines Wirtschaftsmagazins vermittelbar ist, ist ganz klar. Allerdings ist auch zu hinterfragen, ob dies dann generell ein richtiges Format darstellt.

Reportagen über Autisten, sind teilweise selbst nicht autistengerecht

Auch kann die Reportage selbst schon eine Zerreißprobe für den Protagonisten werden - nämlich dann, wenn sich der Journalist nicht gründlich genug (oder gar nicht) vorbereitet hat und nichts von den Besonderheiten im Umgang mit Autisten weiß, bzw. auch nicht wirklich lernfähig ist.

So stellte sich mir der Journalist bei seiner Email-Anfrage als einen "zuverlässigen und erfahrenen Interviewpartner vor". Zuverlässig scheint mir heutzutage ein sehr dehnbarer Begriff zu sein, denn schon zu Anfang haben sich hier klare Abweichungen zu meiner eigenen Definition von "Zuverlässigkeit" gezeigt.

Lassen Sie mich nun also einen Ablauf beschreiben, wie er in dieser Form alles andere als geeignet für Autisten ist. Es begann mit oben genannter Email-Anfrage. In deren Verlauf wurde mir ein Zeitfenster am kommenden Tag genannt, in welchem der Journalist telefonisch (dazu komme ich noch) erreichbar wäre. So weit so gut, nicht wahr?

Zumindest in der Theorie träfe dies durchaus zu - die Praxis sah leider anders aus. Bei meinem ersten Kontaktversuch war der Herr nicht zu erreichen, bei einem zweiten dann sehr kurz angebunden, da er gerade im Museum sei - er rufe mich aber in einer Stunde zurück. Auch hier scheint es wohl Unterschiede in den kosmischen Naturgesetzen von Autisten und Nicht-Autisten zu geben, da es zwar irgendwann für mich eine Stunde später war, für den Herren allerdings vermutlich eine andere Zeit galt.

So kam es, dass ich derjenige war, der den Journalisten drei unruhige Stunden später das erste Mal zurückgerufen hatte und ihn schließlich beim dritten Versuch auch erreicht hatte. Das Gespräch an sich verlief sehr angenehm und der Herr machte einen sympatischen Eindruck auf mich. Wagen wir also nochmal einen Versuch.

Tipp 1: wählen Sie doch bitte ein Zeitfenster, das sie auch wirklich einhalten können. Es muss kein 8-stündiges Zeitfenster sein - zwei würden völlig ausreichen, hauptsache Sie sind dann auch wirklich in dieser Zeit erreichbar.

Tipp 2: Autisten nehmen Aussagen oft wörtlich. Selbst ein Autist wie ich, der nicht alles wörtlich nimmt, geht bei einer konkreten Aussage von "in einer Stunde" davon aus, dass Sie auch wirklich in einer Stunde anrufen. Wenn Sie dies nicht wirklich so meinen oder tatsächlich nicht abschätzen können, wann Sie zurückrufen können, dann sagen Sie das doch einfach. Ein "ich rufe Sie später zurück, kann aber nicht sagen wann genau dies sein wird" würde völlig reichen!

Ich muss an dieser Stelle noch ergänzen, dass dieses Telefonat an einem Samstag stattgefunden hat - in diesem Telefonat wurde dann vereinbart, dass mich der Journalist am Montag Abend (mit fester Zeitangabe) noch einmal anrufen wird, um das Ganze noch einmal im Detail zu besprechen. Manche ahnen es bestimmt schon: ratet einmal, wer am Montag Abend NICHT angerufen hat... dies ist umso tragischer, weil mir am Samstag zudem noch mitgeteilt wurde, dass der Dreh sehr kurzfristig stattfinden soll und noch in der kommenden Woche am Donnerstag oder Freitag durchgeführt werden sollte. Sehr spontan, nicht wahr?

Tipp 3: Halten Sie sich an Vereinbarungen! Selbst für Nicht-Autisten ist es ärgerlich, wenn vereinbarte Zeiten nicht eingehalten werden. Für Autisten ist so etwas noch weitaus schlimmer und kann zum Zusammenbruch der gesamten Tagesstruktur führen! Stellen Sie sich wirklich derart über Ihre Protagonisten, dass Sie glauben, sich alles erlauben zu können?

Tipp 4: Keine spontanen Aktionen. Wollen Sie mit Autisten arbeiten, dann machen Sie sich bewusst, dass Sie lange genug im Voraus planen und bereits ein fertiges Konzept vorweisen können.

In dieser Art und Weise konnte es natürlich nicht weitergehen, also beschloss ich, dem Herrn eine Email zu schreiben, in der ich konkret auf sein Verhalten Bezug nahm, da dieses im Umgang mit Autisten nicht tragbar war. Weniger stabile Autisten wären in einer solchen chaotischen Situation vermutlich bereits zusammengebrochen - es darf nicht angehen, dass Journalisten derart verantwortungslos mit ihren Protagonisten umgehen.

Daraufhin entschuldigte er sich bei mir und wir vereinbarten einen neuen Telefontermin am darauffolgenden Tag zur Mittagszeit. In der Zwischenzeit hatte ich bereits mit meinem Arbeitgeber gesprochen und abgeklärt, ob ein Dreh im Betrieb möglich wäre. Zudem musste ich auch in der kurzen Zeit Freunde mobilisieren, die einem Dreh zustimmten und dazu noch kurzfristig Zeit hatten - schließlich sollte noch in der gleichen Woche der Dreh erfolgen. Ein aufwändiges Unterfangen.

Am nächsten Tag war es also so weit und ich rief zur vereinbarten Zeit an (gar nicht so schwer, oder? ;-) ). Während des Telefonats gingen wir noch einmal alles durch, was mich erwarten würde und wo wir drehen könnten. Auch wollte er ein paar Kundenprojekte zeigen, an denen ich arbeite - es war schließlich ein Wirtschaftsmagazin.

Auch wurde der Drehtermin auf die nächste Woche Dienstag verschoben. Darüber war ich gar nicht so traurig, da mir dies ein wenig mehr Zeit ließ, mich darauf vorzubereiten. Es bedeutete aber auch, dass ich alle angefragten Personen noch einmal kontaktieren musste, um die zeitliche Verfügbarkeit abzuklären. Außerdem musste ich Kontakt zu den ausgewählten Kunden aufnehmen, um diese über den Dreh zu informieren und die Zustimmung zum Zeigen Ihrer Projekte einzuholen.

Wer nun denkt, dass damit alles geklärt war und dem Dreh nichts mehr im Wege stand hat weit gefehlt. Freitag Abend erhielt ich nämlich eine Email mit dem Hinweis, der Dreh müsse "vorübergehend" abgesagt werden, da seine Vorgesetzte doch lieber zuerst den Dreh mit einer Firma abschließen wollte, die hauptsächlich Autisten beschäftigt (Ich möchte an dieser Stelle keine Namen nennen, da ich der Firma keinen Vorwurf mache und diese daher nicht in die Angelegenheit hineinziehen möchte. Dafür bitte ich um Verständnis.). So schnell war man also vom Tisch und die Zeit und Energie, die man im Vorfeld investieren musste, war völlig umsonst gewesen.

Was bilden Sie sich eigentlich ein? Quote geht Ihnen und Ihrer Vorgesetzten scheinbar über die Würde und Unversehrtheit aller Beteiligten! Denn offensichtlich wollen Sie zwar auf Biegen und Brechen Quote über den Asperger-Hype generieren, haben aber nicht die geringste Ahnung, wie sie mit Autisten umgehen sollen. Eine solche Behandlung ist menschenunwürdig und ich denke es ist offensichtlich, dass der Dreh nicht nur "vorübergehend" abgesagt wurde. Mit mir werden Sie nämlich definitiv keinen Dreh mehr durchführen und ich hoffe auch mit keinem anderen Autisten mehr!

Wissen Sie, wie es ist, seine ohnehin schon rar gesäten Freunde kontaktieren zu müssen und sich wie ein Bittsteller zu fühlen, weil dies aufgrund Überforderung der erste Kontakt seit Monaten war? Können Sie sich vorstellen, wie schwierig und kräftezehrend es ist, sich ständig auf neue Gegebenheiten einstellen zu müssen, um spontan alle erforderlichen Aspekte in die kurzfristige Struktur einbauen zu können? Vermutlich nicht. Denn ansonsten hätten Sie sich auf meine Email hin entschuldigt, oder zumindest in irgendeiner Form zurückgemeldet!

Ich bin durchaus keine Person, die alles persönlich nimmt und alles auf die Goldwaage legt, aber was zu weit geht, geht zu weit. Irgendwann wird es nämlich sogar mir zu blöd.

Naiverweise dachte ich tatsächlich, ich könnte durch ein solches Fernsehportrait zur Aufklärung über Autismus beitragen. Aber dies nicht um jeden Preis. Für Journalisten mit echtem Interesse an Autisten stehe ich natürlich weiterhin gerne zur Verfügung.

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