Warum ich Ella Schön nicht schön finde

Eigentlich wollte ich mich aus der öffentlichen Diskussion zum neuesten Film des ZDF über eine Autistin (gespielt von Anette Frier) größtenteils heraushalten. Da ich nun aber immer wieder in ebendiese Diskussion hineingerate und meine Argumente und Sichtweise nicht ständig aufs Neue gebetsmühlenartig herunterleiern möchte (zwinker), platziere ich diese nun für meine Leser zum Nachlesen an einer zentralen Stelle.

Ich muss gestehen, alleine den Titel zu lesen, hat bei mir einen starken Verdacht geweckt, dass dieser Film weniger der Aufklärung dienen soll, als der Generierung von Quote. Einschaltquoten generiert durch das Aufspringen auf ein Thema, das momentan in vieler Munde und dementsprechend "in Mode" ist.

Leider konnte auch durch das letztendliche Ansehen des Filmes dieser erste Eindruck nicht verbessert werden. Bis auf ein paar wenige Szenen wird ein ganz und gar unauthentisches Bild eines Asperger-Autisten gezeichnet. Natürlich kann und will ich nicht die Deutungshoheit aller Autisten für mich beanspruchen, denn jeder Autist ist individuell und somit gibt es auch nicht "den" Autisten. Dennoch können wir uns sehr oft in anderen Autisten wiederfinden, auch wenn diese ganz andere äußere Verhaltensweisen aufzeigen - denn im Grunde sind wir trotz aller Unterschiede doch gleich.

Aus diesem Grund maße ich mir auch an zu behaupten "es gibt sicherlich keinen Asperger-Autisten, der so ist, wie Ella Schön!" - falls doch: stell' dich mir bitte vor und erweitere meinen Horizont. Bis dahin bleibe ich bei dieser Meinung.

Dabei möchte ich nicht einmal behaupten, dass alles falsch dargestellt wurde - ganz und gar nicht! Bestimmte Verhaltensweisen sind tatsächlich im Autismus-Spektrum einzuordnen. So war der Overload im Auto durchaus realistisch und auch Ihre Aussage, dass Sie "Emotionen und zwischenmenschliche Signale leicht verpasst" ist völlig korrekt. Dennoch muss ich sagen, dass diese wenigen authentischen Teile nichts daran ändern, dass das vermittelte Gesamtbild falsch ist.

Und gerade dies erachte ich als fatal. Den auch vor Ella Schön war es schon so, dass die meisten Menschen nicht zwischen zwei Autisten differenzieren konnten. Aussagen, wie

"ich kenne einen Autisten, der war ganz anders als du"

"meine Bekannte hat einen autistischen Sohn, der kann nicht sprechen. Wie kannst du also Autist sein? Du sprichst doch!"

"du bist doch noch gut dran, du hast doch maximal einen nur leichten Autismus"

"Du bist Autist? Was wäre denn bitte deine Inselbegabung?"

musste ich mir selbst oft genug anhören. Und dies alleine der Tatsache geschuldet, dass Menschen oftmals nicht differenzieren oder ihnen nur die überspitzt dargestellten Merkmale eines Autisten in Erinnerung bleiben.

Nun wird von einem Massenmedium ein neues Bild eines angeblichen Asperger-Autisten geliefert, welches nun in den Köpfen vieler weiterer Menschen herumgeistern kann. Denken die Macher tatsächlich, dass dies für uns nun eine Erleichterung darstellt? Ich vermute vielmehr, dass dieser Film eher dazu beiträgt, das Unverständnis weiter zu mehren.

Die Hauptkritikpunkte

Mischung zwischen Monk und Soziopath

Gleich am Anfang musste ich schon schaudern. Schaute ich tatsächlich Ella Schön oder die amerikanische Krimiserie "Monk"? Gefangen in seinen Zwangshandlungen ist dieser nämlich unfähig zu jeglichen Veränderungen und überempfindlich gegenüber Schmutz und vermeintlichen Keimen. Denn genau so gebahr sich Ella Schön in den ersten Szenen. Im Koffer einzeln verpackte Kleidungsstücke, Schutzkappe über den Borsten der Zahnbürste - die sorgfältig sortierte Schreibtischaufteilung war hier noch die realistischste Darstellung. Ordnung und Struktur gibt uns Sicherheit - aber nicht so! Hätte sie nämlich eine Phobie vor Keimen, dann wäre sie wohl kaum in ihrer Kleidung ins Meer gesprungen oder hätte in diesem Schuppen Quartier bezogen. Hier sieht man sehr deutlich, dass Verhaltensweisen benutzt wurden, um diese überspitzt und möglichst quotenwirksam zu platzieren, aber ohne diese konsistent und durchdacht einzusetzen.

Autisten haben keine Zwangsstörung! Autisten brauchen Struktur, um die Notwendigkeit zu minimieren, auf spontane Ereignisse und Eindrücke reagieren zu müssen. Auch wenn es oft ähnlich wirkt - es sind völlig unterschiedliche Sachverhalte.

Emotionslose Roboter

Wir sind auch keine Roboter ohne jegliche Emotionen. Im Gegenteil! Würden wir einen Menschen beinahe überfahren, dann wären wir kaum so unbeteiligt. Wir wären überfordert, ja! Völlig überfordert sogar. Aber diese Überforderung würde sich in einem Ausbruch entladen und nicht in Gleichgültigkeit. Wir wären völlig aufgelöst und am Boden zerstört! Ich verstehe nicht, wie die Macher darauf kommen, wir würden einen solchen Vorfall derart unbeteiligt durchleben. Seht Ihr uns so? Als Monster?

Autisten sind nicht emotionslos. Wir erleben Emotionen genauso wie jeder andere auch. Vielleicht erleben wir sie sogar ein wenig intensiver, da wir sie ungefiltert und unmittelbar erleben

Stoische Blicke

Ella Schön sieht man sehr oft mit starrem, ja stierendem Blick. Fest auf einen Punkt fixiert, blickt sie ausdruckslos und ohne Mimik in die Kamera (oder an dieser vorbei). Auch dieses Verhalten bestärkt beim Zuschauer den Eindruck, einen Roboter vor sich zu haben. Dieser Eindruck wurde mir auch von meinen neurotypischen Freunden / Bekannten bestätigt, die den Film oder Ausschnitte daraus ebenfalls gesehen haben.

Autisten verwenden vielleicht nicht das gesamte Arsenal menschlicher Mimik - dafür sind wir oftmals im Sozialkontakt auch zu überfordert, um auch noch darauf zu achten. Aber die Wenigsten wirken dabei wie versteinert. Auch stieren wir nicht, wenn wir die Welt betrachten. Im Gegenteil - wir wirken eher in uns gekehrt und haben einen nicht-fokussierten Blick. Das ist etwas anderes, als einen Punkt starr zu fixieren! Manche Autisten neigen nur in einer Situation zu diesem starren Augenverhalten. Und zwar wenn Autisten anerzogen wurde, Blickkontakt zu halten und diesen eigentlich nicht leisten können. Dieses stereotype Vorurteil von Autisten ist also keine unserer Eigenschaften, sondern etwas, was uns von unserer Umwelt aufgezwungen wurde!

Fazit

Es wirkt, als wollte man möglichst viele stereotype Vorstellungen in diesem Film unterbringen, um möglichst viel "Drama" hineinzubekommen. Dabei wurde nicht beachtet, welche Verhaltensweisen tatsächlich typisch sind und in welcher Kombination diese vorkommen. Denn man muss auch beachten, wen Ella Schön eigentlich verkörpert. Nämlich eine hochintelligente und hochfunktionale Autistin, die ihr Jura-Studium (!) erfolgreich beendet hat und letztendlich mit beiden Beinen und beruflich erfolgreich im Leben steht. Dass ebendiese Autistin Verhaltensweisen - in ihrer Fülle und äußeren Ausprägung - aufweisen soll, die eher im stärkerem Autismus-Spektrum einzuordnen sind, erachte ich doch als sehr fraglich.

Nicht zuletzt muss man auch noch die Rahmengeschichte mit in die Betrachtung einfließen lassen. Welche Botschaft soll hierbei vermittelt werden? Dass es in Ordnung ist, eine geheime Zweitfamilie zu gründen, weil man mit einer solchen Person nicht glücklich werden, sie aber auch nicht alleine lassen kann und um immerhin dort zu bekommen, was man von "seinem Autisten" nicht bekommen kann? Ausgesprochen wurde dies nicht, aber eine derartige subtile Botschaft ist auch unausgesprochen fatal!

Für die Zukunft

An alle Filmemacher, die in Zukunft planen, einen Film über einen Autisten zu machen. Unser Spektrum ist groß - werdet euch also bereits im Vorfeld darüber bewusst, wo ihr euren Protagonisten einordnen wollt und informiert euch ausführlich über genau diesen Bereich. Zudem solltet ihr es vermeiden einen überspitzten Charakter zu generieren, wenn es keine Komödie sein soll - die Leute wissen sonst nicht, dass es nur ein Stilmittel ist und halten diese Verhaltensweisen für die Wahrheit. Vielmehr ist es wichtiger, dass Ihr mehr Wert darauf legt, soziale Defizite und Overloads realistisch darzustellen. Damit erreicht ihr das gewünschte "Drama" und liefert zudem noch ein authentisches Bild, welches tatsächlich zur Aufklärung beitragen kann.

Zum Schluss noch ein Tipp, den ich auch der Politik oft genug gegeben habe: nehmt euch einen hochfunktionalen Autisten als Berater zur Seite. Jemanden, der die Bandbreite des Spektrums kennt und diese auch nachspüren, sowie verbalisieren kann.

Es gilt der Grundsatz: besser keine Darstellung, als eine falsche!

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